4. Würzburger Psychotherapiekongress

SAve the date: 08.04.2021 - 11.04.2021


Echt Jetzt?

Nicht erst seit „Fake News“, Donald Trump und unterschiedlichen Sichtweisen auf die Bedeutung eines Krankheiterregers beschäftigt uns die Frage nach der Realität.

 

Am deutlichsten das Krankheitsbild der Psychose, vor allem ihre paranoiden Ausformungen, aber auch andere psychische Phänomene konfrontieren uns mit dem Wesen der Realität, deren Wahrnehmung und Interpretation, wovon vor allem auch Paartherapeuten ein tragikomisches Lied singen können.

 

Philosophen fragen sich seit Jahrtausenden, wie wir wissen können was wir wissen, und stellen dabei gemeinhin als sicher geglaubte „Tatsachen“ als Konstruktionen bloß. Immer wieder bedingen Paradigmenwechsel auch in den positivistischen Wissenschaften eine weitgehende Revision der „Realität“.

 

In der Psychotherapie führt Freud die „unbewußte Phantasie“ als ganz wesentliches, unsere Realitätswahrnehmung gestaltende Instanz ein. Gerade in sozialen Dimensionen, von Watzlawik Realitäten zweiter Ordnung genannt, bestimmen unsere früheren Erfahrungen, wie wir aktuelle Wahrnehmungen strukturieren und interpretieren. Es ist also bei weitem nicht nur die paranoide Psychose, die uns mit unterschiedlichen Wahrnehmungen von Realität konfrontiert. In den Traumafolgestörungen tauchen sehr alte Affekte, Bilder, Körpersensationen und Gedanken so auf, als würde sich die auslösende Situation gerade jetzt ereignen, diese tritt also an die Stelle der heutigen Realität. Aber auch in so gesund wirkenden psychischen Strukturen wie der Neurose findet man spätestens auf den zweiten Blick unterschiedliche Einschätzungen von dem, was echt, was gegenwärtig ist. So ist jede zwischenmenschliche Begegnung geprägt von mehr oder weniger abweichendem Erleben des heute Tatsächlichen, was uns auch in regressionsfördernden experimentellen Situationen wie der Großgruppe sehr schnell augenscheinlich wird.

 

Es ist also so eine Sache mit der Realität, mit dem Echten. Einerseits wissen wir, dass wir wenig echt wirklich wissen, gleichzeitig sind wir als soziale Wesen unvermeidlich angewiesen auf eine Überschneidung der je individuellen Realitäten. Hätten wir keinen common-ground der gemeinsamen Realität, wir wären wie in einer Psychose in unserer eigenen Innenwelt gefangen und jedweder Kontakt wäre unmöglich. Die heute vielbenannten „Bubbles“ sind in diesem Sinne immer schon ein Begegnungsort mit Menschen mit konkruenten Relalitäten.

 

Die sprunghaften informationstechnologischen Entwicklungen stellen uns als Menschen, insbesondere auch als Psychos vor besondere Herausforderungen. Durch die online-Technologie scheint die echte, leiblich-anwesende Begegnung zwischen TherapeutIn und PatientIn/KlientIn plötzlich verzichtbar. Apps können in Studien eine gute Wirksamkeit nachweisen, Therapie-Bots und Algorithmen bieten den menschlichen Therapeuten in Ihrer Wirksamkeit Konkurrenz und die „echte“ Beziehung mag sich bald als überholt erweisen. Was vor sehr kurzer Zeit wie eine transhumanistische Utopie – oder Dystopie? – gewirkt hat, ist heute ansatzweise technische Realität.

 

Schließlich stellt sich die Frage der Echtheit auch an der Stelle des in allen Therapieschulen, zumindest heute noch, maßgeblichen Werkzeugs, nämlich der therapeutischen Beziehung. Wie „echt“ ist die Beziehung, die in der Psychotherapie eingegangen wird? Wie technisch ist der Therapeut, wie authentisch ist er, darf er sein, muss er sein? Wo sind die Fallstricke von zu viel Persönlichem, Echtem, in einer professionellen Beziehung? Wo die von zu wenig Echtem?

 

Wir laden Sie und Euch ein, mit uns auf die Suche zu gehen, nach dem gegenwärtig Echtem, der sogenannten Realität und vor allem nach den Brüchen, Unterschieden und Spannungen in unseren jeweiligen Wahrnehmungen.

 

Das Orga-Team: Charlotte Erlinghagen, Atilla Höfling, Michaela Holler, Ines Jetzinger, Thomas Leitner, Armin Lux, Lea Pusch, Benita Schmidt, Andreas Wimmer und Kathrin Zierhut.